LifeComp: Kompetenzen für das Leben und Lernen in Zeiten des Wandels

Der Europäische Rahmen für persönliche, soziale und lernbezogene Schlüsselkompetenzen (LifeComp) und was er für die Erwachsenenbildung bedeuten kann.

Dieser Beitrag wurde auf zuerst auf EPALE veröffentlicht: https://epale.ec.europa.eu/de/blog/lifecomp-kompetenzen-fuer-das-leben-und-lernen-zeiten-des-wandels

Wir leben in einer Zeit des Wandels, der uns persönlich und als Gemeinschaften fordert: Veränderungen der Gesellschaft durch Migration, die schnelle Transformation der Arbeitswelt durch Digitalisierung oder der Wandel hin zu klimaneutralen Ökonomien seien hier nur beispielhaft genannt. Um daraus entstehende schwierige Lebenssituationen zu meistern und diese Entwicklungen mitzugestalten brauchen wir mehr als neue Fähigkeiten oder Wissen in einzelnen Lebensbereichen. Wir brauchen übergreifende Kompetenzen, die unterschiedlichsten Zusammenhängen gerecht werden können.

Ziele des LifeComp-Rahmens

Der LifeComp-Rahmen möchte den vielfältigen Herausforderungen Rechnung tragen. Er beschreibt neun Schlüsselkompetenzen: einige fokussieren mehr auf eine innere Bereitschaft, andere sind eher handlungsorientiert. Zusammen ergeben ein ganzheitliches Bild transversaler Kompetenzen zur persönlichen und sozialen Weiterentwicklung. Der LifeComp ist ein konzeptioneller Rahmen; er ist nicht normativ und kein Qualifikationsrahmen. Er soll eine gemeinsame Sprache und Struktur für verschiedene Umsetzungskontexte schaffen und ist unabhängig von Alters- und Lebensphasen zu verstehen. So kann er eine Grundlage für die Erarbeitung von Lehrplänen und Lernaktivitäten sein und Eingang in formale, non-formale und informelle Bildungssettings finden.

Struktur des LifeComp

Das Rahmenwerk gliedert sich in drei Kompetenzbereiche: persönlicher-, sozialer und Lernkompetenzbereich. Jedem  Bereich sind drei Kompetenzen zugeordnet, die hier im Überblick (verkürzt) dargestellt werden.

Gliederung und Definition der Kompetenzen

Persönlicher Kompetenzbereich

  • Selbstregulation: Bewusstsein über Gefühlen, Gedanken, Verhalten und deren Beherrschung
  • Flexibilität: mit unsicheren Situationen umgehen, Herausforderungen annehmen
  • Wohlbefinden: Streben nach Lebenszufriedenheit, Pflege der körperlichen, geistigen und sozialen Gesundheit und Annahme einer nachhaltigen Lebensweise

Sozialer Kompetenzbereich

  • Empathie: Gefühle, Erfahrungen und Werte Anderer verstehen und darauf entsprechend reagieren
  • Kommunikation: relevanter Kommunikationsstrategien, bereichsspezifischer Codes und Instrumente je nach Kontext und Inhalt anwenden
  • Zusammenarbeit: Beteiligung an Gruppenaktivitäten und Teamarbeit mit Anerkennung von und Respekt für Andere

Lernkompetenz-Bereich (Lernen zu lernen)

  • Auf Weiterentwicklung ausgerichtete Haltung: Glauben an das eigene Potenzial und das Anderer, sich kontinuierlich weiterentwickeln und dazuzulernen
  • Kritisches Denken: Beurteilung von Informationen und Argumenten, um begründete Schlussfolgerungen zu ziehen und innovative Lösungen zu entwickeln
  • Lernmanagement: Planung, Organisation, Überwachung und Überprüfung des eigenen Lernens
Europäische Rahmen für persönliche, soziale und lernbezogene Schlüsselkompetenzen (LifeComp)
LifeComp, Seite 22, Abb. 5

Transversale und wachstumsorientierte Kompetenzen

Die Kompetenzbereiche und ihre Kompetenzen werden differenziert dargestellt und ihre Bedeutung als Schlüsselkompetenzen wird begründet. Dabei werden immer wieder Verbindungen zu anderen Kompetenzen und anderen Rahmenwerken gezogen. Bei ‚Flexibilität‘ wird beispielsweise auf EntreComp (Europäischer Referenzrahmen für unternehmerische Kompetenzen) hingewiesen, der diese Kompetenz vertiefend beschreibt. Bei ‚Kommunikation‘ – und hier wird digitale, asynchrone Kommunikation in gleicher Weise wie die Face-to-Face Kommunikation berücksichtigt – wird auf den DigComp-Rahmen Bezug genommen. 

Die Baummetapher soll visualisieren, dass die Schlüsselkompetenzen auf persönliches Wachstum ausgerichtet sind. Sie illustriert gleichzeitig das Zusammenhängen der Kompetenzen. Der Boden bzw. der Wurzelbereich des LifeComp-Baums stellt den sozikulturellen Kontext dar, in dem persönliche Entwicklung geschieht: Ob er förderlich oder hinderlich ist, beeinflusst selbstverständlich die Art und Weise des Kompetenzerwerbs.

Ausprägungen der Kompetenzen: Bewusstsein, Verstehen, Handeln

Jede Kompetenz wird zudem in drei Ausprägungen – Bewusstsein, Verstehen, Handeln – näher beschrieben. Zur Verdeutlichung sind hier die drei Deskriptoren der Kompetenz „Wohlbefinden“ dargestellt:

  • Bewusstsein dafür, dass individuelles Verhalten, persönliche Eigenschaften sowie soziale und umweltbedingte Faktoren die Gesundheit und das Wohlbefinden beeinflussen
  • Verstehen: Potenzielle Risiken für das Wohlbefinden verstehen und zuverlässige Informationen und Dienste für Gesundheit und sozialen Schutz nutzen
  • Handeln: Annahme einer nachhaltigen Lebensweise, die die Umwelt, das körperliche und geistige Wohlbefinden von sich selbst und anderen respektiert, während man Unterstützung sucht und anbietet

Die Reihenfolge dieser Deskriptoren soll weder den Ablauf des Kompetenzerwerbs darstellen noch ist sie hierarchisch gemeint. Sie sollen eher als Kompetenz-Dimensionen verstanden werden, in denen der Kompetenzaufbau gelingen kann. Dem widerspricht leider die an die Baummetapher angelehnte Visualisierung der Deskriptoren, die klar von Leveln – nämlich Knospe, Blüte, Frucht – spricht.

Der Europäische Rahmen für persönliche, soziale und lernbezogene Schlüsselkompetenzen (LifeComp)
LifeComp, Seite 22, Abb. 5

So entsteht leicht der Eindruck, dass es eine Vorstellung vom Kompetenzerwerb gibt, dessen Aufbau an Level des Sprachunterrichts erinnert. Ein individueller Kompetenzerwerb, der auf Haltungen und persönlichen Erfahrungen beruht, lässt sich jedoch schwerlich in eine derartige Struktur pressen.

Kompetenzen als Schlüssel zum Leben? Ein kritischer Blick auf den LifeComp

Das LifeComp-Rahmenwerk ist sehr umfassend; man möchte fast sagen: „Mit Liebe zum Detail geschrieben“. Die Definitionen der Schlüsselkompetenzen sind verständlich und strukturiert. Entwickelt wurde der LifeComp von der ‚Gemeinsamen Forschungsstelle der Europäischen Kommission‘ (Joint Research Centre, JRC ) und die Entstehung des Rahmenwerks wurde begleitet durch Beratungen von internationalen Wissenschaftler*innen und Interessenvertreter*innen, so dass der Rahmen eine breite fachliche Grundlage hat. Dennoch fallen in der Gesamtschau Aspekte auf, die durchaus kritisch betrachtet werden können.

Der Mensch als anpassungsfähige, eierlegende Wollmilchsau?

Die Definitionen der einzelnen Schlüsselkompetenzen halte ich für sinnvoll. Doch in der Gesamtbetrachtung entsteht bei mir der Eindruck, dass ein zu starker Fokus auf Entwicklung für und Anpassung an den Arbeitsmarkt und auf eine reibungslos funktionierende Gesellschaft gelegt wird. Beschäftigungsfähigkeit, berufliche Entwicklung oder auch ein Beitragen zur Entwicklung der Gemeinschaft insgesamt sind häufig als Ziele formuliert: Als das, was man mit Erwerb der Schlüsselkompetenzen nicht nur erreichen kann, sondern erreichen soll. Die Beschreibungen der Kompetenzen münden öfter in ein „um zu“: Man braucht Schlüsselkompetenzen, um gut verhandeln und vermitteln zu können, um Probleme zu lösen, um zufriedenstellende Berufsentscheidungen zu treffen, um die Wirtschaftsleistung und den sozialen Zusammenhalt zu verbessern, um soziale oder wirtschaftliche Werte zu schaffen, um effektiv weiterzukommen etc.

Für sich genommen ist das alles richtig und wichtig. Nur verlässt der LifeComp hier seinen beschreibenden, definierende Charakter und liest sich ehr wie ein Katalog mit Zielvorgaben. Würden wir alle Ziele erfüllen, könnten wir uns wahrscheinlich an jede berufliche wie private Veränderung geschwind anpassen und wären gleichzeitig aktive und passable Mitglieder der Gesellschaft. Das mag für einige Arbeitgeber*innen und den gesellschaftlichen Status Quo wünschenswert sein, denn wir wären eigenverantwortliche, flexible und permanent leistungsfähige Krisenmanager*innen. Wie jedoch Menschen aus einem derartig ergebnisorientierten Kompetenzerwerb heraus in der Lage sein sollen, Veränderungen zu hinterfragen, abzulehnen und von der Norm abweichende Lebensweisen und -Modelle zu entwickeln und vorzuziehen, ist mir schleierhaft.

Resilienz: Das Neue Höher – Schneller – Weiter?

Der LifeComp zielt auf die Stärkung von Resilienz ab, also die Fähigkeit, mit Widrigkeiten, Ungewissheit und Konflikten positiv umzugehen und sich von ihnen zu erholen. Dies wird unterstrichen durch die Ausführungen zur Pandemie, wie zum Beispiel: “In der gegenwärtigen Situation [Juli 2020] ist es besonders wichtig, dass die Bürgerinnen und Bürger in der Lage sind, ihre persönlichen, sozialen und Lernkompetenzen zu reflektieren und zu entwickeln, um ihr dynamisches Potenzial freizusetzen, ihre Emotionen, Gedanken und Verhaltensweisen selbst zu regulieren, ein sinnvolles Leben aufzubauen …“1

In Zeiten des Wandels widerstandsfähiger zu werden ist sicher wünschenswert. Ob jedoch ein Kompetenz- und Resilienz-Erwerb in extremen Ausnahmesituationen dazu führt, dass jeder Mensch in kurzer Zeit neuen Anforderungen gerecht werden kann, scheint mir fragwürdig. Zur Verdeutlichung: Mitte Februar 2020 kam es zu ersten Lockdowns in Europa – das Framework erschien Anfang Juli 2020. Nach gerade einmal vier Monaten zu fordern, dass wir dringend bestimmte Kompetenzen entwickeln müssen, verlangt ein enormes Anpassungstempo. Zumal man die Pandemie auch anders deuten kann: Viele Menschen schafften es, mit der neuen, schwierigen Situation umzugehen (auch wenn sie damit nicht glücklich waren) neue Herausforderungen wurde angenommen und es wurde etliches dynamisches Potential freigesetzt – ganz ohne das LifeComp-Framework.

Unbestritten ist, dass wir zunehmend Radikalisierungen und insgesamt große Mangel an Empathie und gelungener Kommunikation erleben. Wenn es gelingt, Schlüsselkompetenzen in der Breite des Bildungswesens zu verankern, können wir hoffen, dass diese Entwicklungen zumindest abgemildert werden. Unbestritten ist auch, dass viele Menschen überfordert waren. Aber ein permanentes Adressieren an individuelle Mängel wie unzureichende Resilienz, scheint mir der Situation nicht angemessen. Und wünscht man sich eine Gesellschaft, in der persönliches Wachstum und individuelle Widerstandsfähigkeit die Lösungsschlüssel für alle Probleme sind?

Wer als Alleinerziehende monatelang durch Homeschooling und Homeoffice überlastet ist, wer als Angehöriger sterbende Familienmitglieder nicht begleiten darf oder wer bei einer Naturkatastrophe allen Besitz und nahestehende Menschen verliert, darf sich inadäquat verhalten und muss mit solchen Erlebnissen weder positiv umgehen noch sich schnell erholen. Eine Gesellschaft sollte das meiner Meinung nach Aushalten und Betroffenen Unterstützung anbieten; ihre Mitglieder sollten Kompetenzen erwerben, die dazu beitragen. Der LifeComp geht leider nur zum Teil in diese Richtung. Er fokussiert meiner Lesart nach zu sehr auf persönliche Krisenbewältigung. Menschen, die das nicht schaffen, scheinen so für ihr „Scheitern“ allein verantwortlich.

LifeComp für die Erwachsenenbildung?

Folgt man meinen Kritikpunkten, stellen sich Fragen nach Aufgaben und Zielen der Erwachsenenbildung. Sicher sollen wir Menschen befähigen, mit Krisen und Veränderungen angemessen umzugehen und alle Schlüsselkompetenzen des LifeComp dienen dazu. Würden wir jedoch die nach meiner Lesart vorhandene Zweckorientierung und Optimierung übernehmen, reduzieren wir uns zum Lieferdienst für die Wirtschaft und zum Entlastungpfeiler für alle sozialen und ökonomischen Probleme.

Das entspricht nicht meinen Vorstellungen vom Sinn der Erwachsenenbildung. Erwachsenenbildung kann und sollte einen Kompetenzerwerb fördern, bei dem Menschen sich aus sich selbst heraus entwickeln und für sich selbst lernen. Das ist mehr als Menschen zu befähigen, mit Veränderungen umzugehen und in unsicheren Situationen handlungsfähig zu bleiben. Erwachsenenbildung kann individuelle Unabhängigkeit im Denken und Handeln fördern. Und dadurch können wir die Freude an persönlicher Entwicklung und gesellschaftlicher Teilnahme stärken.   Ich möchte nicht behaupten, dass der LifeComp all dies nicht vorsieht. Doch der Duktus, mit dem er formuliert ist, macht es mir schwer, solche Ansätze zu erkennen. Schlüsselkompetenzen für das Leben und deren Notwendigkeit lassen sich auch anders, nämlich den Menschen zugewandt, formulieren. Das zeigt eindrucksvoll das Projekt „Life Skills for Europe – LSE“.   

LifeComp für die Erwachsenenbildung! Was der Rahmen für die Erwachsenenbildung bedeuten kann

Bei aller Kritik halte ich den LifeComp dennoch für einen großen Schritt in die richtige Richtung. Den größten Erfolg des LifeComp sehe ich darin, dass er uns eine gemeinsame Sprache gibt. So können wir in der Erwachsenenbildung die Diskussion um Kompetenzorientierung neu beleben. Denn trotz aller Anstrengungen, Kompetenzen in den Mittelpunkt unsere Bildungsaktivitäten zu stellen, sind wir hier noch nicht am Ziel angelangt. Der LifeComp stellt eine Grundlage dar. Ob wir seine Kompetenzen übernehmen oder ob wir beispielsweise ‚Kreativität‘, (im Sinne der 4K: Neues denken können) hinzufügen, liegt in unseren Händen. Auch für die Diskussion, wie wir Schlüsselkompetenzen in unsere Bildungsangebote implementieren, bietet der LifeComp eine Basis.  Denn Kompetenzorientierung braucht mehr als eine Umgestaltung des Unterrichtsgeschehens.

Definitionen von Schlüsselkompetenzen gehören genauso dazu wie beispielsweise eine Veränderung unseres Prüfungswesens. Weg von der Richtig-oder-Falsch Beurteilung individueller Leistungen hin zu kollaborativen und kreativen Leistungen. Um den Kompetenzerwerb in der Erwachsenenbildung zu fördern, können wir auch über neue Lernorte und Räume nachdenken, denn die bestehenden Möglichkeiten sind häufig sehr auf traditionelle Vermittlung von Wissen und Fähigkeiten ausgerichtet. Und wir sollten uns als Erwachsenenbilder*innen – egal ob wir planend, beratend, unterrichtend tätig sind – auch an unsere eigene Nase fassen: Wie steht es um unsere eigenen Schlüsselkompetenzen? Sind unsere Organisationsstrukturen so gestaltet, dass der Kompetenzerwerb gefördert wird?

Um eine lebendige Diskussion über Schlüsselkompetenzen zu führen, hoffe ich, dass der LifeComp in viele Sprachen übersetzt wird. In Deutschland scheint sich bislang leider niemand zuständig zu fühlen, was schade ist. Denn der LifeComp gibt uns die Chance, gemeinsam eine zukunftsorientierte Erwachsenenbildung zu gestalten


1. Sala, A., Punie, Y., Garkov, V. and Cabrera Giraldez, M., LifeComp: The European Framework for Personal, Social and Learning to Learn Key Competence, 2020. Seite 8: „In the current situation, it is especially relevant that citizens be able to reflect on and develop their personal, social, and learning to learn competences in order to unleash their dynamic potential, self-regulate their emotions, thoughts, and behaviours, build a meaningful life …“


Der Beitrag „LifeComp: Kompetenzen für das Leben und Lernen in Zeiten des Wandels“  von Dörte Stahl ist lizenziert unter einer Creative Commons Namensnennung 4.0 International Lizenz. Die verlinkten Werke und die Abbildungen im Beitrag stehen unter eigenen Lizenzen. Bitte vor dem Verwenden prüfen.

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