Kamerapflicht beim Online-Lernen? Sehen und gesehen werden … sind zwei Paar Schuhe.

Eines der Probleme für Lehrende in Live-Online-Lernszenarios ist die Distanz zu den Teilnehmenden. Unmittelbare Reaktionen auf das Lern-Lehrgeschehen sind rar. Der Blickkontakt fehlt, Mimik und Gestik können kaum wahrgenommen werden und mündliche Rückmeldungen sind technikbedingt verzögert. Das kann Trainer*innen verunsichern und eingeschaltete Kameras können hier Abhilfe schaffen. Daher wünschen sich viele Trainer*innen, dass Teilnehmende ihre Webcams dauerhaft einschalten und einige Bildungsträger machen Kameras zur Voraussetzung für die Teilnahme an Online-Seminaren. Doch ist das wirklich sinnvoll? Verursachen permanent eingeschaltete Kameras neue, andere Probleme?

Was spricht dagegen, dass alle Teilnehmenden dauerhaft ihre Kameras einschalten?

Schwache Internetverbindung

Ein schon oft angesprochenes Problem sind schwache Internetverbindungen: Je mehr Kameras eingeschaltet sind, desto schwieriger (ruckelig, eingefrorene Bilder) kann die Übertragung sein. Teilnehmende wie Lehrende sehen dann wenig voneinander, auch die Audioübertragung kann so beschränkt sein und die Tonqualität verschlechtert sich. Dadurch kann die Teilnahme anstrengend werden und die positiven Effekte, die man sich vom dauerhaften Kameraeinsatz erhofft, verschwinden.

Visueller Overkill und Zoom-Fatigue

Viele eingeschaltete Webcams bieten sehr viele visuelle Eindrücke. Seien wir ehrlich: Haben wir alle nicht schon einmal versucht zu erblicken, welche Bücher im Hintergrund von der freundlichen Teilnehmerin Frau Müller stehen? Und was genau hängt dort links von Herrn Müller, eine Zeichnung, eine To-Do-Liste?
Natürlich führt die Wahrnehmung all dieser Eindrücke zur Ablenkung; aber das ist womöglich gar nicht das große Problem. Denn Ablenkung gibt es sowohl in Präsenz- als auch in Online-Formaten immer in vielfältiger, wenn auch unterschiedlicher Weise.
Das Hauptproblem des visuellen Overkills durch dauerhaft eingeschaltete Webcams ist die Ermüdung. Denn auf dem Monitor erscheinen viele kleine zweidimensionale Bilder. Erst unser Gehirn macht daraus ein dreidimensionales Kamerabild. Auch führt der mangelnde Blickkontakt zu Irritationen, die unser Hirn ausgleichen muss: Denn entweder schaut man in die Kamera oder man schaut auf das digitale Abbild der Person, die mit einem spricht. Unser Hirn vollbringt also zusätzliche Leistungen, um das digitale Geschehen in eine bekannte Präsenzsituation zu übersetzen. Und das führt – gerade bei ganztägigen Veranstaltungen – zu Ermüdung. Benannt wird dieser Effekt mittlerweile als Zoom-Fatigue.

Bewegungsfreiheit

Die meisten Teilnehmenden nutzen Webcams, die in ihr Endgerät eingebaut sind. Diese erfassen in der Regel nur einen kleinen Ausschnitt und möchte oder soll man sichtbar sein, muss man sich innerhalb dieses Kameraausschnitts platzieren. Ein Positionswechsel, der körperlichen Entspannung bringen kann, ist kaum möglich. Verglichen mit Präsenzsituationen klebt man förmlich auf dem Stuhl und kann sich nur innerhalb eines sehr begrenzen Radius bewegen. Dieser Mangel an Bewegungsfreiheit kann zur Folge haben, dass längere Online-Lernangebote als sehr anstrengend empfunden werden. Das kann sich negativ auf den Lernerfolg auswirken, was natürlich nicht wünschenswert ist.

Privatheit

Nicht alle Teilnehmenden möchten, dass wir in ihre privaten Räume schauen und nicht alle Teilnehmenden haben räumliche Möglichkeiten, den Blick in ihr zu Hause einzuschränken. Eingeschaltete Kameras verschaffen uns Einblicke in sehr private Umgebungen, die wir in klassischen Präsenzsituationen nicht haben. Dort ist von allen Teilnehmenden nur das sichtbar und hörbar, was sie von sich preisgeben möchten – und mehr geht weder uns als Lehrende noch andere Teilnehmende etwas an.
Das ist kein Datenschutz-Thema. Vielmehr geht es um die Frage, inwieweit wir als Lehrende eine für uns komfortablere Situation (Teilnehmende sehen) zu Lasten einer unkomfortableren Situation für Teilnehmende (mehr preisgeben als man möchte) konstruieren. Das gilt auch für Online-Unterrichtsmethoden (meist Icebreaker) wie beispielsweise: ‚Machen Sie ein Foto aus ihrem Fenster; wir zeigen uns dann gegenseitig unsere Fotos‘. Teilnehmende, die – aus welchen Gründen auch immer – nicht mehr Einblick in ihre Lebensumstände als im Präsenzunterricht gewähren möchten, können wir durch permanenten Kameraeinsatz in unangenehme Situationen bringen. So kann eine Anspannung entstehen, die negativ auf das Lernverhalten wirkt.

Kameras dauerhaft ausschalten? Ist das eine sinnvolle Option?

Um es vorweg zu nehmen: Nein, ich halte das nicht generell für sinnvoll. Es ist in vielerlei Hinsicht angenehm und fördert eine zugewandte Arbeitsatmosphäre, wenn alle Anwesenden sich sehen können. Jedoch denke ich, dass das aus oben genannten Gründen nicht permanent der Fall sein muss. Erwachsenenbildung zeichnet sich durch vielfältige Formate und Längen aus und je länger eine Veranstaltung dauert, desto anstrengender ist die dauerhaft eingeschaltete Webcam für Teilnehmende.

Für meine Unterrichtsgestaltung hat sich die Auseinandersetzung mit den negativen Aspekten des Kameraeinsatzes als sehr hilfreich erwiesen. Ganz praktisch bedeutet das: Bei ganztägigen Veranstaltungen bitte ich drei Mal täglich um das Einschalten der Kamera: morgens, nach der Mittagspause und zum Abschluss. Bei Halbtagesveranstaltungen reduziere ich die Kamerasituationen auf zwei Mal: Beginn und Abschluss.

Vor allem hat das Nachdenken über das Thema ‚Kamera ein oder aus?‘ mir jedoch Sicherheit im Umgang mit ausgeschalteten Webcams – also mit der großen, dunklen Wand – gegeben. Ich bin nicht mehr irritiert, wenn ich Teilnehmende nicht sehen kann; ich akzeptiere, dass sie gute Gründe haben und freue mich, sie zu hören. Eine angenehme, förderliche Lern-Lehratmosphäre kann ich auch ohne Bild herstellen.

Kamerapflicht für Teilnehmende?

Nicht richtig finde ich, wenn Kameras eine Voraussetzung zur Teilnahme an Bildungsangeboten sind. Das schließt nicht nur Menschen aus, die ihre Webcam nicht einschalten möchten, sondern auch die, die keine funktionierende Kamera haben. Man baut Zugangshürden auf, die nur sehr bedingt mit dem Lerngeschehen begründbar sind. Ich finde es überaus schade, wenn deswegen Menschen an meinen und anderen Seminaren nicht teilnehmen dürfen.
Ausnahmen gibt es: Im Musikunterricht ist es für Lehrende beispielsweise notwendig, die Hände auf den Klaviertasten oder am Gitarrenhals zu sehen. Aber das sind Ausnahmen, die durch den Lerngegenstand begründet sind. Und sie sollten meines Erachtens nicht zur Regel für Bildungsangebote werden.


Kamerapflicht beim Online-Lernen? von Dörte Stahl ist lizenziert unter einer Creative Commons Namensnennung 4.0 International Lizenz. Verlinkte Werke und Fotos stehen unter eigenen Lizenzen. Bitte vor dem Verwenden prüfen.

Weiterlesen:
https://hochschulforumdigitalisierung.de/de/blog/die-stumme-dunkle-wand-zoom

https://www.handelsblatt.com/technik/digitale-revolution/digitale-revolution-zoom-fatigue-warum-uns-videokonferenzen-auslaugen/26002264.html

https://www.nzz.ch/technologie/zoom-muedigkeit-wieso-videochats-so-anstrengend-sind-ld.1556531

https://www.sueddeutsche.de/digital/zoom-fatigue-videokonferenz-ermuedung-corona-1.4888670