Fortbildungen für Lehrende: Was brauchen wir um digital fit zu werden?

Es gibt sie, die Fortbildungsangebote für Referent*innen, die uns fit machen sollen für die Erwachsenenbildung in digitalen Zeiten. Meist geht es darum, mit digitalen Komponenten den Präsenzunterricht zu bereichern. Das ist sicher gut gemeint – aber ist es auch gut gemacht?

Häufig werden Seminare zu digitalen Tools angeboten, also bestimmte digitale Werkzeuge wie Umfragetools, Etherpads etc. Selten bis gar nicht wird das Internet als Lernraum oder das Erstellen von visuellen Lernangeboten (Videos, Fotos) thematisiert.

Sind solche Fortbildungsinhalte sinnvoll?

Das hängt von dem Ziel ab, welches man mit diesen Fortbildungen erreichen möchte. Oft wird als Ziel genannt, dass Lehrende Bildungsangebote konzipieren und durchführen können, die einer veränderten Lebenswirklichkeit der Teilnehmende entsprechen: Das Kommunikationsverhalten, die Arbeitswelt und damit auch das Lernverhalten haben sich durch das Internet gewandelt. Man geht davon aus, dass Teilnehmende digitale Bildungskomponenten gut annehmen, diese beispielsweise motivierend finden, weil diese ihrer Lebenswelt und Erfahrung entsprechen.

Wenn das das Ziel ist, dann bin ich leider der Meinung, dass die angebotenen Inhalte nur zum kleinen Teil zielführend sind.

Menschen nutzen das Internet heute als informellen Lernraum, auch wenn sie es oft so gar nicht empfinden. Wer spricht schon von ‚Lernen‘, wenn doch „nur“ ein Rezept auf Chefkoch.de gesucht wird; „machen“ ist der passendere Begriff, weil Online-Aktivitäten nicht als Lernen wahrgenommen werden.

Was erfahren die Menschen – also unsere Teilnehmenden – wenn sie sich im digitalen Raum bewegen, wenn sie „machen“? Eine Kahoot-Umfrage, eine Doodle-Terminabfrage, QR-Codes? Das können sinnvolle Tools und Möglichkeiten sein, hat aber nichts mit Erfahrungen in einer veränderten Lebenswirklichkeit zu tun.

Also noch mal die Frage: Was erfahren wir, wenn wir uns alltäglich im digitalen Raum bewegen? Hier eine Auswahl:

  • Antworten dann geben, wenn man die Antwort weiß (nicht wenn man muss): Das ist der Alltag in Facebook-und WhatsApp-Gruppen.
  • Antworten sehr schnell bekommen: Die Geschwindigkeit, mit der ein Lern-/Informationsbedarf befriedigt wird und die Geschwindigkeit, mit der Fragen beantwortet werden (Reaktionsgeschwindigkeit).
  • Visuelle Aufbereitung von Informationen hilft beim Verstehen (Fotos und Videos): Das ist nicht nur YouTube, das sind beispielsweise auch DIY-Blogs.
  • Kein Zeitdruck: Ich kann Google so oft und so variantenreich fragen wie ich möchte, ich kann mir ein Video X-Mal anschauen … es ist völlig egal wie viel Zeit ich brauche; irgendwann bekomme ich wahrscheinlich ein Ergebnis bzw. verstehe ich eine Erklärung.
  • Lockerer Umgangston, zwangloses miteinander: das ist Alltag in allen sozialen Netzwerken.

Was sollten Referent*innen, Trainer*innen, Seminarleiter*innen, Bildungsplaner*innen denn nun Lernen, um diesen Erfahrungen gerecht zu werden? Wie können Fortbildungsangebote daran anknüpfen? Hier eine Auswahl:

  • Gute und gut aufbereitete digitale Inhalte zur Verfügung stellen: Wie erstelle ich Screencasts, Erklärvideos, Infrografiken etc. Und wie stelle ich diese Inhalte wo online?
  • Wie lege ich eine Playlist auf YouTube an?
  • Bookmarking-Tools: Was ist das, wie hilft mir das bei der Unterrichtsvorbereitung und Durchführung?
  • Wie recherchiere ich zielführend und wie funktioniert Google (das wissen viele nicht) und gibt es Alternativen?
  • Und natürlich sollten wir uns alle (dringend!) mit Communitybuildung beschäftigen, denn das ist es, was die meisten Teilnehmenden online tun: Sie agieren in digitalen Communities (und übrigens nicht in Moodle-Foren, die entsprechen in ihrer Bedienbarkeit und ihren Möglichkeiten in keiner Weise der User Experience, UX, bedeutet Nutzungserlebnis, Nutzungserfahrung ).

Die klassische Lerngruppe schwindet zugunsten von Online-Communities, wie Facebook- oder WhatsApp-Gruppen. Lernende etablieren (zumindest manchmal aus meinen Seminaren heraus)  Communities/Gemeinschaften im digitalen Raum, die selbstständig und selbstbestimmt miteinander (weiter-)lernen. Oder sie schließen sich vorhandenen Gruppen an. Digitale Lerngruppen können durch Moderator*innen bereichert werden. Aber diese Moderator*innen (Communitymanager*innen) geben keine Antworten, stellen keine Fragen. Wenn nötig, können sie anregen – nicht unbedingt thematisch sondern Anregungen zum Austausch geben (fachliche / gruppenspezifische Kommunikationsangebote). Digitale Communities sind meiner Erfahrung nach immer dann hilfreich, wenn die Mitglieder das Gefühl haben, dass es ihre Community ist.

Und da bin ich dann natürlich bei der Veränderung der Rolle  von Lehrenden – nein, wir Leben im Zeitalter der Digitalisierung, nicht die Rolle sondern das Berufsbild ändert sich. Aber das möchte ich in diesem Artikel nicht weiter vertiefen.

Zusammengefasst wünsche ich mir Fortbildungsangebote für Erwachsenenbildner*innen, die befähigen, sich im digitalen Raum so sicher und  selbstverständlich zu bewegen, dass dieser Raum problemlos für die Durchführung / Begleitung von Bildungsveranstaltungen genutzt und mit Material bestückt werden kann. Und ich wünsche mir Communitymanager*innen statt Lehrende.

Natürlich werden meine Wünsche nur dann in Erfüllung gehen, wenn sich Auftraggeber, also Bildungsträger, aufraffen, und selbst digitale Bildungskompetenzen erwerben. Und wenn sie den Referent*innen, Trainer*innen, Seminarleiter*innen jede Unterstützung zukommen lassen: technische Unterstützung (z.B. für Videoproduktion), Hotline für Fragen, Communities für Communitymanager*innen  und entsprechende Honorierung für den Zeitaufwand

tl;dr Fortbildungen für Erwachsenenbildner*innen sollten den digitalen Raum statt Tools als Schwerpunkte beinhalten und Communitymanagement statt Klick-hier-Klick-da fördern.