Auf der Suche nach einem Bildungssystem für das digitale Zeitalter

Vor ein paar Tagen habe ich die Aufzeichnung des sehr interessanten Webinars „Wie können politische Rahmenbedingungen erfolgreiches Lernen begünstigen?“ gesehen. Bei der Veranstaltung von e-teaching.org beschäftigten sich Oliver Janoschka und Anja C. Wagner (FrolleinFlow, http://flowcampus.com/ )  u.a. mit der Wirkung von Fördermitteln und Organisationsstrukturen an Hochschulen.

Besonders spannend war der anspruchsvolle Ritt durch das Bildungssystem und die Veränderungen, die die Digitalisierung fordert, von Anja C. Wagner ab 00:36. Ich möchte hier nicht alles zusammenfassen (schaut euch die Aufzeichnung und die Folien zu ihrem Vortrag an) aber grob und kurz gebe ich einige Aspekte, Herleitungen und Zusammenhänge vor:

Anja C. Wagner beschreibt unser herkömmliches Bildungssystem mit Segmentierung als Bildungssystem für das Industriezeitalter, welches „Humankapital“ mit Normalarbeitszeitverhältnis für den industriell geprägten Arbeitsmarkt schaffen soll (Folien 14 – 17).

  • Hauptschule – gering Qualifizierte – redunant producers
  • Realschule – duale Ausbildung – producers of high volume
  • Gymnasium – Studium – producers of high value

In der Weiterbildung setzt sich diese bedarfsorientiert gedachte Aufteilung fort:

  • Hauptschule – Bewerbungstrainings
  • Realschule – Zertifikate
  • Gymnasium – PHD

Nun stehen wir seit ca. 2005 (Web 2.0) am Beginn des digitalen Zeitalters, welches die Arbeitswelt und damit auch das individuelle Lernen jetzt schon verändert hat und weiter verändern wird. Aber unser Bildungssystem ist weiter an das Industriezeitalter gebunden.

Klar ist, dass Weiterbildung heute eine wesentliche Rolle spielen muss – allerdings muss auch die Weiterbildung dem digitalen Wandel entsprechen (Folien 27 – 29). Anja Wagner formuliert es so (00:50:30): „Wir haben kein Kompetenzprofil dafür, dass wir uns immer schneller weiterbilden müssen.“ Das Bildungssystem wird sich nachhaltig verändern müssen, es muss – auch in Hinblick auf die Finanzierung – völlig neu gedacht werden. Bildungsprozesse sollten digitalisiert werden und neue Bildungsmodelle (ganz neue Formate) müssen entwickelt werden, um den Herausforderungen zu begegnen.

Ein bedingungsloses Lernguthaben (Belgut) kann die Veränderungsprozesse in der Weiterbildung begleiten und beschleunigen(00:52:20). Das Belgut bedeutet (kurz gesagt, ein vertiefendes einlesen lohnt sich: https://frolleinflow.com/2016/02/08/belgut-das-bedingungslose-lernguthaben/ ):

  • Umdenken bei der Bildungsfinanzierung: Die Frage:“ Wer bekommt das Bildungsbudget des Staates: die Institutionen oder die Menschen?“  wird mit „Die Menschen“ beantwortet. Den Menschen werden finanzielle Mittel an die Hand gegeben, die Mittel werden nicht an Institutionen / an Teilnehmendenmenge gekoppelt.
  • Die Menschen geben diese Mittel für das aus, was ihnen persönlich am meisten nutzt. Das Geld wird also nicht dafür ausgegeben, wovon Institutionen meinen, dass es Menschen hilft.
  • Dahinter steht ein Menschenbild mit Vertrauen in die Selbstkompetenzen der Menschen – also ein überaus positives Bild.

Was mich an diesem Vortrag bewegt hat

Zunächst die differenzierten Herleitungen von Anja. Sie hat in der sehr kurzen Zeit auf den Punkt gebracht, dass unser Bildungssystem untauglich für das digitale Zeitalter ist. Auch wenn sie kein neues System entworfen hat, so hat sie doch eindringlich erklärt, was sich – besonders auch in der Weiterbildung, nicht nur im Hochschulbereich – ändern muss: Unser Bildungssystem muss neu gedacht werden und sich von den alten Bedarfen des Industriezeitalter völlig lösen. Wir brauchen ein System, welches Innovationen und Kreativität fördert und hervorbringt. Ein System, welches extrem flexibel und wandelbar ist und es so schafft, uns für Aufgaben zu qualifizieren von denen wir noch nicht wissen, wie sie genau aussehen werden.

In diesem Zusammenhang hat sie ein bedingungsloses Lernguthaben als Ermöglichungsinstrument des Wandels dargestellt. Ich kannte die Idee des Belguts schon länger, fand es in diesem Kontext noch einleuchtender und dringlicher.

Über meine Gedanken zum Belgut möchte ich in den nächsten Tagen schreiben.

Update vom 29.01.19: Hier meine Gedanken zum BELGUT: http://erwachsenenbildung-digital.de/kann-ein-bedingungsloses-lernguthaben-die-weiterbildung-retten/